[i07]Zur Info:[/i07]
http://de.wikipedia.org/wiki/Naomi_Klein
http://www.naomiklein.org/main
[size=1807]"Kopf hoch, verdammt noch mal!"[/size07]
[b07]Mrs. Klein, Millionen Menschen lesen Ihre Bücher, rennen in die Filme von Michael Moore und preisen Al Gore als neuen Heiland. Aber immer weniger gehen auf die Straße, um gegen Konsumwahn oder Umweltverschmutzung zu protestieren. Seltsam, oder?[/b07]
Ich denke, die Leute haben einen gewissen Zynismus gegenüber Straßenprotesten entwickelt. Vor dem Irakkrieg standen sie dort zu Millionen - der Effekt war gleich null. Außerdem haben die Leute einfach Angst. In den USA wird inzwischen jede Art von Protest als Terrorismus diskreditiert - das hat natürlich Einfluss auf die Menschen. Es gibt ganze Stadtviertel in den USA, wo alle gegen den Krieg sind, aber keiner sich aufzumucken traut, weil sie Angst vor den Folgen haben. Der Effekt dieser Überwachungs-Politik ist ja nicht nur, Informationen über Menschen zu sammeln und Kriminelle zu fassen - das Ziel dahinter ist doch offensichtlich, eine vollständig kontrollierte Gesellschaft zu schaffen.
[b07]In Ihrem neuen Buch behaupten Sie, der Neoliberalismus nutze jede Krise auf diesem Planeten aus, um...[/b07]
...das behaupte ich nicht, das beweise ich!
[b07]Schön. Also, Sie beweisen, dass der Neoliberalismus jede Krise nutzte, um seine radikale marktliberale Ideologie zu verankern, so lange sich die betroffenen Menschen in einem Schockzustand befinden. Das betrifft etwa Sri Lanka nach dem Tsunami, Großbritannien nach dem Falklandkrieg oder New Orleans nach Hurrikan Katrina. Starker Tobak, sagen Ihre Kritiker.[/b07]
Ja, aber meine Kritiker haben mir bisher noch nicht erklärt, wie sie meine 70 Seiten Fußnoten widerlegen wollen. Ich habe nämlich keine persönliche Meinung aufgeschrieben. Dieses Buch ist die Teamarbeit von sieben Rechercheuren und vier Anwälten. Alle meine Folgerungen basieren auf nachprüfbaren Veröffentlichungen des internationalen Währungsfonds, der Weltbank, von Politikern und Wirtschaftswissenschaftlern. Sie können jedes Zitat nachprüfen. Ich habe mir keines davon ausgedacht. Der US-Ökonom John Williamson zum Beispiel hat wortwörtlich gesagt, man hätte den Washingtoner Konsens...
[b07]... den US-gelenkten Werbefeldzug, wonach alles Glück der Erde von Deregulierung und Privatisierung abhängt...[/b07]
...niemals implementieren können ohne die Hilfe einer schweren Krise. Lesen Sie es nach! Aber es ist natürlich viel einfacher, mich als Verschwörungs-Theoretikerin hinzustellen - schon braucht man sich nicht mehr mit meinen Argumenten auseinanderzusetzen.
[b07]Sie sprechen von einer bewussten Schock-Strategie. Könnte es nicht sein, dass die Leute, die Sie dafür verantwortlich machen, vielleicht Gutes wollten, aber einfach inkompetent waren? Der Irak zum Beispiel sieht nun nicht nach einem wohl durchdachten Systemwechsel sinistrer Ränkeschmiede aus.[/b07]
Haben Sie Paul Bremers Gesetze gelesen?
[b07]Sie meinen den ehemaligen US-Verwalter im Irak?[/b07]
Eben den.
[b07]Äh...nein.[/b07]
Bremer war sehr gut organisiert. Er hat 100 Gesetze geschrieben, die sich mit der Privatisierung praktisch des gesamten Irak, der Öffnung für ausländische Märkte, der Abschaffung von Zöllen und so weiter beschäftigen. Man kann sie nachlesen.
[b07]Haben sie was genutzt?[/b07]
Das haben sie nicht. Aber ich denke nicht, dass man vor diesem Hintergrund einfach nur von Inkompetenz sprechen kann. Es gab einen Plan für den Irak. Sie haben versucht, ihn durchzusetzen. Aber es war ein Schuss in den Ofen.
[b07]Was glauben Sie, warum?[/b07]
Weil die Iraker trotz der schockartigen Invasion nicht in einen Zustand des blinden Gehorsams verfielen. Der Plan war, die Iraker derart zu traumatisieren, dass sie problemlos alles hinnehmen würden. Richard Armitage, der ehemalige Vize-Außenminister der USA, sagte, offensichtlich haben wir die Iraker nicht genug schockiert.
[b07]Nicht genug?[/b07]
Nicht genug. Er sagte: Anders als Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg war der Irak nicht ausreichend traumatisiert. Meine Erklärung ist: 30 Jahre Saddam Hussein waren schockierend genug. Schock braucht das Überraschungsmoment. Aber Schock ist normal im Irak. Deswegen konnten die Leute nach der amerikanischen Invasion ohne Verzögerung ihren Widerstand organisieren und Bremers Gesetze aushebeln.
[b07]Noch mal: Neoliberalen gute Absichten zu unterstellen, ist naiv?[/b07]
Ich würde da durchaus Unterschiede machen. Den Wirtschaftswissenschaftler und UN-Sonderbeauftragten Jeffrey Sachs zum Beispiel würde ich auf keinen Fall in dieselbe Kategorie einordnen wie seinen Kollegen Milton Friedman...
[b07]...den Sie ein "Monster" nennen und als Urheber des neoliberalen Feldzugs outen.[/b07]
Zu Recht. Friedman und seine Chicago- Boys haben mit ihrem Ruf nach einer radikalen freien Marktwirtschaft nie den Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit verbunden. Friedman ging es um Profit. Er war ein brillanter Mathematiker, dessen Theorien immer einem Ziel dienten: unbegrenzte Geldgier zu rechtfertigten.
[b07]Friedmans großes Experiment war das Regime Pinochets in Chile, das zuvor den sozialistischen Präsidenten Allende mit Hilfe der CIA gestürzt hatte. Friedmans Schüler Hernan Büchi war sogar Pinochets Schatzmeister.[/b07]
Ja.
[b07]Nun sagen Sie, die Chicago-Boys und ihre gelehrigen Schüler in westlichen Regierungsämtern lauerten seit 30 Jahren geradezu auf die nächste Krise, um weitere Menschen mit den Segnungen des Kapitalismus zu beglücken. Warum warten, wenn man arme Länder wie damals Chile genauso gut kaufen oder erpressen kann?[/b07]
Nun, man könnte argumentieren, dass genau das auch 1989 in Polen passiert ist. Damals, nach dem Ende des Kalten Krieges, hat man ein drei Milliarden Dollar dickes Paket mit Entwicklungshilfe ins Land geschickt. Deswegen wurden die ökonomischen Modelle der Solidarnosc niemals ausprobiert. Das war die klassische Schock-Therapie: Hier ist das Zuckerbrot, da ist die Peitsche - entscheide dich.
[b07]So einfach?[/b07]
So einfach. Aber sie brauchen dafür eben eine Krise. Das kann eine Schuldenkrise sein, ein Krieg, ein Massaker - die ganze Bandbreite. Und wenn es einmal so weit ist, lassen sich die Märkte quasi im Handumdrehen öffnen. So war es auch in der großen asiatischen Finanzkrise 1997/98. Auch da war Entwicklungshilfe vor allem Mittel zu einem Zweck: alles schnellstmöglich zu deregulieren und zu privatisieren. Die offizielle Geschichtsschreibung sieht das natürlich anders und behauptet, Demokratie und Neoliberalismus seien zwei Seiten derselben Medaille und diese Ideologie sei nur deshalb weltweit so erfolgreich, weil die Menschen danach verlangten. Inzwischen aber nimmt der Widerstand gegen Neoliberalismus weltweit zu. Deshalb bedarf es immer größerer Schocks, um den Menschen diese Ideologie einzubläuen.
[b07]Es ist nur ein kleiner Schritt vom Warten auf eine Krise zum Herbeiführen einer Krise. Trauen Sie den "Schock-Strategen" so etwas zu - den 11. September zum Beispiel?[/b07]
Ich glaube nicht, dass sie den 11. September selbst inszeniert haben. Aber solche Verschwörungstheorien sind deshalb so populär, weil die Menschen sehen, wie solche Krisen von den Mächtigen ausgenutzt werden. Sie sehen, welches irrsinnige ökonomische Kapital diese Leute aus Schocks wie dem 11. September schlagen. Viele schließen daraus, dass diejenigen, die von solchen Krisen profitieren, sie auch geplant haben müssen. Ich schlage eine Gegenerklärung vor: Sie haben es nicht geplant - aber sie verstehen sehr genau, wie die Schock-Strategie funktioniert. Also braucht es nur ein Fingerschnippen, bevor eine Krise als neue Gelegenheit identifiziert wird.
[b07]Klingt diabolisch.[/b07]
Sie glauben mir nicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zwei Wochen, nachdem die Dämme in New Orleans gebrochen waren, gab es ein Treffen der Heritage Foundation...
[b07]...jener US-Denkfabrik, die all die schönen Seiten der Globalisierung preist.[/b07]
Dort trafen sich die Spitzen der republikanischen Gesetzgeber. Und die erstellten eine Liste mit dem hübschen Namen "32 freie Marktlösungen für Hurrikan Katrina". Es ist ein unglaubliches Dokument, weil darin alles steht, wonach sich diese Leute immer gesehnt haben - vom Umbau des Schulsystems über Änderungen des Arbeitsrechts bis hin zu Bohrarbeiten in Alaska.
[b07]Alaska?[/b07]
Ja, es ist verrückt! Ich habe das Dokument auf meiner Website, lesen Sie es nach. Das war blanker, zynischer Opportunismus. Noch mal: Ich glaube nicht, dass diese Leute Krisen bewusst auslösen. Ich bin aber überzeugt davon, die stetige Suche nach kurzfristigem Profit wird dazu beitragen, dass der Planet sich weiter aufheizt - das führt zu weiteren Naturkatastrophen, die man ausnutzen kann. Der Kapitalismus ist eine opportunistische Ideologie. Sie sieht im Staat ein ineffizientes System, in das zu investieren sich nicht lohnt, und das man deswegen schwächen muss. Wenn wir auf dieser Straße weiter fahren, werden wir mehr und mehr Kollisionen erleben.
[b07]Würden Sie sagen, der Kapitalismus war eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt wurde?[/b07]
Ich denke, zügelloser Kapitalismus ist ein Rezept für eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Wir haben das doch gesehen: Die Geschichte der letzten 30 Jahre ist eine Geschichte der Ungleichheit.
[b07]Nun wird man kommunistische Regimes kaum als leuchtende Gegenbeispiele hinstellen können.[/b07]
Eins ist klar: Genauso, wie es Krisen braucht, um die neoliberale Vision einer perfekten Gesellschaft zu formen, braucht es Krisen, um die marxistische Version einer perfekten Gesellschaft zu formen. Der Unterschied ist: Als der Kommunismus kollabierte, wurden dort die Archive geöffnet. Es gab eine öffentliche Aufarbeitung der Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden. Beim Neoliberalismus - nun ja, da verhält es sich so, wie Harold Pinter gesagt hat, als er den Literaturnobelpreis gewann: Es ist so, als hätten die Verbrechen, die in dessen Namen begangen wurden, niemals stattgefunden, weil die Leute sonst daran erinnert würden, dass es im Kalten Krieg zwei Seiten gab. Ich denke, der Hauptgrund, warum wir heute so eine märchenartige Version der Geschichte haben, ist der, dass es die Version der Sieger ist. Seltsamerweise betrachten wir deren Schandtaten bis heute als unglückliche Verirrungen während des Kalten Krieges oder als notwendig im Kampf gegen den Terrorismus.
[b07]Ist es für Sie denkbar, dass sich die Menschen in Polen und Russland seinerzeit einfach danach gesehnt haben, zu kaufen, was immer sie wollten, und dahin zu reisen, wohin sie wollten?[/b07]
Natürlich. Ich glaube jedoch, dass die Leute eine Mischung wollen: Sie wollen einkaufen gehen, sie wollen ein Stück Land besitzen - aber sie wollen auch ein funktionierendes staatliches Gesundheitssystem, soziale Sicherheit. Und sie wollen, dass ihre Politiker einen guten Mittelweg zwischen diesen beiden Ideologien finden. Genau dafür hat Solidarnosc damals in Polen gekämpft: für einen Kompromiss zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Sie haben auch eine Alternative vorgestellt, die aber nie ausprobiert wurde - sie wurde aus dem Weg geschockt.
[b07]Der berühmte dritte Weg.[/b07]
Es gibt nicht den einen dritten Weg. Aber es gibt sicher mehr als die beiden Alternativen Staats-Kommunismus und ungezügelte freie Marktwirtschaft.
[b07]Mrs. Klein, Sie haben mal gesagt: "Wir haben die Schlacht der Ideen nicht verloren." Wie soll sie gewonnen werden?[/b07]
Ich denke, eine der größten und erfolgreichsten Propagandalügen ist, dass der Neoliberalismus den Globus deswegen überschwemmt hat, weil seine Ideen so überzeugend sind. Ein Beispiel: Alan Greenspan, der Chef der US-Notenbank war, hat den Fall der Berliner Mauer als entscheidenden Moment für den neoliberalen Kreuzzug dargestellt. Damals habe die Welt den Unterschied sehen können zwischen West- und Ostdeutschland. Und der Westen war so ganz offensichtlich besser als der Osten, dass das niemand in Frage stellen konnte. Aber die Ironie des Ganzen ist, dass Westdeutschland zu diesem Zeitpunkt gar kein neoliberaler Staat war. Es war ein klassischer Wohlfahrtsstaat mit einem gemischten Wirtschaftssystem und widersprach damit eigentlich allem, wofür Greenspan 18 Jahre lang gefochten hat. Trotzdem setzte sich das Argument durch: Wir haben den Systemkampf gewonnen.
[b07]Es wurde doch niemand daran gehindert, ihm zu widersprechen.[/b07]
Das Problem ist: Sehr viele Leute auf Seiten der Linken haben damals akzeptiert, dass ihre Ideen vom real existierenden Kommunismus zutiefst beschädigt worden waren. Das ist einer der größten Erfolge der Rechten: dass sie es geschafft haben, den Wohlfahrtsstaat und Staatsordnungen mit gemischten Wirtschaftssystemen mit Kommunismus gleichzusetzen. All das ist seither diskreditiert. Wir brauchen wieder mehr Selbstbewusstsein. Das ist es, was uns die Rechten voraus haben. Es ist schon interessant: Die Neoliberalen sind selbstbewusst, religiöse Fundamentalisten sind selbstbewusst, sogar die Faschisten sind selbstbewusst. Und was sind demokratische Sozialisten? Sie sind bußfertig, zaghaft, ängstlich und deprimiert. Kopf hoch, verdammt noch mal!
[b07]Haben Sie mitbekommen, dass Umfragen in Deutschland derzeit eine wachsende Mehrheit für linke Ideen zeigen?[/b07]
Oh ja. Das habe ich gesehen. Sehr interessant.
[b07]Würden Sie Deutschland heute als neoliberal bezeichnen?[/b07]
Nein, als konfus.
[i07]Interview: Jörg Schindler (Frankfurter Rundschau, 05.11.2007)[/i07]
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