http://www.fr-online.de/in_und_ausland/ ... r-Sex.htmlJapanWeniger Arbeit für mehr SexTokio. Die japanische Wirtschaft erwartet von ihren Arbeitern und Angestellten weniger Überstunden in der Firma und mehr Anstrengungen beim Sex zuhause. In einem Memorandum verlangte der Wirtschaftsverband Keidanren "mutige" Maßnahmen gegen die sinkende Geburtenrate, die das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes bedrohe.
Wenn der Geburtenrückgang nicht gestoppt wird, werde die Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren um 30 Prozent schrumpfen, die Zahl der Menschen im Arbeitsalter sogar um 50 Prozent. Außer offene Grenzen für gut ausgebildete Einwanderer und mehr staatlicher Unterstützung für Familien hält der Verband eine "bessere Balance zwischen Arbeit und Freizeit" für notwendig.
Keidanren forderte deswegen seine rund 1600 Mitgliedsunternehmen zu "Familien-Wochen" auf, damit deren Mitarbeiter häufiger mit ihren Kindern spielen können und mehr Gelegenheiten bekommen, Kinder zu machen.
Der Appell stieß bei Firmen wie dem Energieunternehmen Nippon Oil, dem Textilhersteller Toray und der Fluggesellschaft Ana im November auf offene Ohren: Bei Nippon Oil mussten die Mitarbeiter die Firma bereits um 19 Uhr verlassen. Wer länger bleiben wollte, brauchte dafür eine Genehmigung. Auch am Wochenende durfte niemand zur Arbeit kommen. "Bitte geht früher nach Hause", rief Shinji Nishio, Präsident von Nippon Oil, seine Angestellten zum Auftakt von zwei "Familien-Wochen" auf. "Die alternde Gesellschaft und sinkende Geburtenrate sind auch unser Problem. Wir erwarten Eure aktive Mitarbeit."
Zu müde für die LiebeBisher lassen viele Japaner die "aktive Mitarbeit" vermissen: Laut einer Umfrage des Japanischen Familienplanungsverbandes hatte mehr als ein Drittel der Paare unter 49 Jahren keinen Sex im vorangegangenen Monat. Viele Befragte erklärten, sie seien wegen Überarbeitung zu müde für Aktivitäten im Bett.
"Die Paare müssen einfach mehr Zeit miteinander verbringen", sagte Kunio Kitamura, Präsident des Familienplanungsverbandes. "Am Anfang reicht es, einfach nur zusammen zu sein, auch wenn es sich nur um gemeinsames Fernsehen handelt." In der Tokioter Zentrale von Nippon Oil tönte jeden Abend um 20 Uhr über die Lautsprecher in den Großraumbüros eine Ballade aus dem Disney-Film "Pinocchio", um die Angestellten an die Liebsten zuhause zu erinnern.
Einige Familienväter nutzten den vorgezogenen Feierabend zu einem ausgiebigen Umtrunk mit Kollegen. Wer früher als sonst nach Hause ging, wurde von der Familie zunächst wie ein Außerirdischer behandelt. "Meine Kinder haben mich gefragt, ob ich krank sei", erzählte ein Mitarbeiter.
Der typische japanische Konzernangestellte sieht seine Kinder nämlich meistens nur am Wochenende, weil er an den Werktagen abends sehr spät nach Hause kommt und die Wohnung schon früh morgens wieder verlässt. Die Arbeitszeiten in Japan sind nach Südkorea und den USA die längsten der Welt.
Ein neuer FeiertagJapanische Arbeitnehmer nehmen im Jahr nur 8,3 Tage Urlaub, weniger als die Hälfte der 20 Tage, die den meisten zustehen. Rie Sako vom der "Gruppe für nationale Lebensqualität" forderte daher die Firmen auf, die Zahl der Arbeitsstunden zu verringern. Sonst lasse sich der Bevölkerungsschwund nicht stoppen.
Nippon Oil hatte bereits vor einem Jahr eine "Sayonara Überstunden"-Woche veranstaltet und auf Handzetteln acht Möglichkeiten geschildert, wie man früher nach Hause gehen könne. Auch die Regierung will ihren Teil leisten: Nächstes Jahr wird es einen weiteren Feiertag geben.